Aus dem Präventionsnetzwerk

30. Dezember 2025

Rückblick auf 2025

Die Verlängerung der Förderung für „Kein Täter werden“ hing bis zuletzt am seidenen Faden. Was viele nicht wissen: Die entscheidende Gesetzesänderung war eingebettet in das Pflegekompetenzgesetz – ein Gesetzespaket, das wegen eines Streits um Klinikvergütungen zwischen Bundestag und Bundesrat im Vermittlungsausschuss landete. Am 17. Dezember 2025 rang das Gremium um einen Kompromiss zu Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen. Erst nachdem sich beide Kammern am 19. Dezember einigten, konnte auch die Verlängerung des Modellvorhabens nach § 65d SGB V in Kraft treten. Die Therapieangebote für hilfesuchende Personen mit pädophiler Störung können damit bis Ende 2027 weiter gefördert werden – doch der knappe zeitliche Ablauf zeigt: Die dauerhafte Überführung in die Regelversorgung bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der kommenden Jahre.

Mit dem Jahr 2025 endet planmäßig die Förderung der das Modellvorhaben begleitenden Kommunikationsarbeit durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Die Förderung war an die ursprünglich vorgesehene Laufzeit des Modellvorhabens bis Ende 2025 geknüpft. Das Ministerium hat das Präventionsnetzwerk von Beginn an unterstützt: Nach dem von der VolkswagenStiftung geförderten Pilotprojekt finanzierte es von 2008 bis 2018 den Berliner Standort und seither die begleitende Öffentlichkeitsarbeit. Wir danken dem Ministerium herzlich für diese langjährige und verlässliche Partnerschaft, die wesentlich dazu beigetragen hat, das Präventionsnetzwerk bekannt zu machen und hilfesuchenden Menschen mit pädophiler Störung den Weg in die Therapie zu ebnen. Unser Dank gilt auch der Deutschen Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel, die unsere Gesundheitskommunikation im Jahr 2026 unterstützt.

Förderung des Modellvorhabens bis 2027 verlängert

Der Deutsche Bundestag hat am 6. November 2025 die Förderdauer des Modellvorhabens nach § 65d SGB V über das ursprünglich vorgesehene Ende am 31. Dezember 2025 hinaus verlängert. Die Förderung wird bis zum 31. Dezember 2027 fortgesetzt. Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen stellt damit weiterhin jährlich fünf Millionen Euro für die kostenfreien und anonymen Behandlungsangebote bereit. Die Justizministerkonferenz hatte sich bereits im November 2024 einstimmig für die Sicherung des Fortbestands eingesetzt.

Details zur Förderverlängerung

20 Jahre „Kein Täter werden“ – Rückblick auf die Jubiläumsveranstaltung

Am 22. September 2025 feierte das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité das 20-jährige Jubiläum des Projekts „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ – aus dem das bundesweite therapeutische Angebot für hilfesuchende Personen mit pädophiler Störung erwuchs. Über 20.000 Menschen haben sich in zwei Jahrzehnten an das Netzwerk gewandt. Die von Jerome Braun moderierte Veranstaltung versammelte Wegbegleiter wie die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und den ehemaligen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier führte durch die vier Phasen der Projektgeschichte und warnte vor neuen gesellschaftlichen Herausforderungen. Dr. Anna Konrad gab Einblicke in die therapeutische Praxis, während Prof. Dr. Stephan Mühlig erste vorläufige Ergebnisse der laufenden Evaluation präsentierte: 2.073 erfasste Interessenten, 1.296 aufgenommene Therapien und eine außergewöhnlich hohe Studienteilnahmebereitschaft von 88 %.

Ausführlicher Rückblick auf die Jubiläumsveranstaltung

RBB Inforadio: 20 Jahre „Kein Täter werden“ – Bilanz und Herausforderungen

Das RBB 24 Inforadio zieht anlässlich des 20-jährigen Jubiläums Bilanz. Das einst heftig umstrittene Therapieangebot ist heute an einem Dutzend Standorten deutschlandweit etabliert, bleibt aber weiterhin kontrovers diskutiert. Prof. Klaus Beier erläutert die Schwierigkeit empirischer Nachweise und die Risikomanagementstrategien des Programms. Er warnt vor einer „wahren Pandemie“ des Kindesmissbrauchs durch die leichte Zugänglichkeit von Missbrauchsdarstellungen im Internet.

RBB Inforadio: 20 Jahre „Kein Täter werden“

Deutschlandfunk: 20 Jahre „Kein Täter werden“ – Geschichte und Bilanz

In „Forschung aktuell“ beleuchtete Volkart Wildermuth kritisch die wissenschaftliche Evidenzlage des Ansatzes. Der Beitrag thematisiert die methodischen Herausforderungen bei der Wirksamkeitsmessung und stellt Befürworter und Kritiker des Programms gegenüber.

Deutschlandfunk: 20 Jahre Netzwerk „Kein Täter werden“

Pädophile Zwangsgedanken – Die Angst vor sich selbst

In der Sendung „Zeitfragen“ beleuchtet Deutschlandfunk Kultur ein oft verkanntes Thema: Menschen, die unter pädophilen Zwangsgedanken leiden. Sie sind nicht pädophil, sondern haben panische Angst davor, es zu sein – eine Form der Zwangserkrankung. Die Therapeutin Dr. Anna Konrad erklärt die quälenden Zweifel der Betroffenen und die therapeutischen Wege. Der Beitrag macht deutlich, dass es für beide Leidenswege – die pädophile Störung und pädophile Zwangsgedanken – spezialisierte und wirksame Hilfe gibt.

Deutschlandfunk Kultur: Pädophile Zwangsgedanken

Hörsendung Donau 3 FM: „Härtere Strafen = weniger Straftaten?“

In einer neuen Folge der Hörsendung „Kein Täter werden – Ein Leben mit Pädophilie“ diskutieren die Moderatoren mit dem Ulmer Juristen und Anwalt Jürgen Filius über rechtliche Fragen. Der ehemalige Landtagsabgeordnete gibt Einblicke in Judikative und Legislative und beantwortet zentrale Fragen: Ist das Strafmaß für sexuelle Übergriffe in Deutschland angemessen? Wie wird ein Strafmaß festgestellt? Ist Freiheitsstrafe immer das richtige Instrument?

Hörsendung anhören

Publikationen

Beier, K. M. & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793

Der Leitfaden richtet sich an Fachkräfte aus Psychotherapie, Medizin, Sozialpädagogik und Seelsorge. Er vermittelt praxisorientiertes Wissen zu Diagnostik, Behandlung und Risikomanagement bei pädophiler Störung.

Ausblick: Überführung in die Regelversorgung als Ziel

Mit der Verlängerung bis 2027 ist ein wichtiger Schritt getan. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein: Die dauerhafte Überführung in die Regelversorgung, die Bewältigung der durch Digitalisierung wachsenden Herausforderungen, die Gestaltung der mit den neuen technischen Möglichkeiten verbundenen Chancen, sowie der Ausbau internationaler Versorgungsstrukturen stehen auf der Agenda. Deutschland ist das erste und bisher einzige EU-Land, das den Artikel 22 der Richtlinie 2011/92/EU vollständig umsetzt.

2025-12-31T09:09:26+01:00
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