Ist die medikamentöse Behandlung eine »chemische Kastration«?

Nein. „Chemische Kastration“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Medikamente, die das sexuelle Verlangen dämpfen. Er ist aus drei Gründen irreführend:

  • Bei einer Kastration werden die Hoden entfernt; das ist endgültig. Medikamente entfernen nichts, ihre Wirkung lässt nach, wenn sie abgesetzt werden.
  • Nicht alle Medikamente senken den Testosteronspiegel. Ein Teil wirkt über den Botenstoff Serotonin und verändert den Hormonhaushalt nicht (Beier & von Heyden, 2025, S. 148).
  • Der Begriff klingt nach Strafe und Zwang. Medikamente werden nur freiwillig eingesetzt, nach ausführlicher Aufklärung und gemeinsamer Entscheidung, und sie ergänzen die Psychotherapie. Für oder gegen ein Medikament kann man sich zu jedem Zeitpunkt der Therapie entscheiden (Beier, 2018).

Medikamente können sexuelles Verlangen und Impulse dämpfen, an der Neigung selbst ändern sie nichts. In einer placebokontrollierten Studie mit 52 hilfesuchenden Männern in Schweden senkte ein Medikament, das die Testosteronbildung unterdrückt (Degarelix), nach zwei Wochen einen Risikowert für sexuellen Kindesmissbrauch; Nebenwirkungen waren häufig (Landgren et al., 2020). Insgesamt ist die Studienlage zu Medikamenten schmal (Landgren et al., 2022). Ob Medikamente Taten verhindern, ist nicht belegt.

Quellen (4)
  1. Beier, K. M. (Hrsg.). (2018). Pädophilie, Hebephilie und sexueller Kindesmissbrauch: Die Berliner Dissexualitätstherapie. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56594-0
  2. Beier, K. M., & von Heyden, M. (2025). Das tabuisierte eine Prozent: Pädophilie erkennen und behandeln. Ein Leitfaden für die psychosoziale Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht. https://doi.org/10.13109/9783666408793
  3. Landgren, V., Malki, K., Bottai, M., Arver, S., & Rahm, C. (2020). Effect of gonadotropin-releasing hormone antagonist on risk of committing child sexual abuse in men with pedophilic disorder: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 77(9), 897–905. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.0440
  4. Landgren, V., Savard, J., Dhejne, C., Jokinen, J., Arver, S., Seto, M. C., & Rahm, C. (2022). Pharmacological treatment for pedophilic disorder and compulsive sexual behavior disorder: A review. Drugs, 82(6), 663–681. https://doi.org/10.1007/s40265-022-01696-1

Wenn Sie sich in dieser Frage wiederfinden: Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet an mehreren Standorten eine kostenlose, vertrauliche Beratung und Behandlung an. Die Schweigepflicht schützt Sie. Ist ein Kind gefährdet, gibt es gesetzliche Ausnahmen, über die wir offen sprechen.

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