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Interview mit Prof. Dr. Stephan Mühlig

Interview am Rande der Jubiläumsveranstaltung am 22. September 2025: Prof. Dr. Stephan Mühlig, Evaluator des Modellvorhabens nach § 65d SGB V, über die hohe Bereitschaft, an der Evaluation teilzunehmen, und über Menschen, die bisher keine Hilfe suchen.

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Genau. Was uns sehr positiv überrascht hat, ist, dass die Patienten, die wir gefragt haben, ob sie an dieser Evaluationsstudie teilnehmen würden, zu fast 90 Prozent ihre Einwilligung erklärt haben und ihre Daten liefern. Das war jetzt nicht unbedingt zu erwarten. Ein sehr hoher Aufwand, den Sie ja betreiben müssen. Das sind fast 90 Seiten Fragebögen, die jeder Patient auszufüllen hat, und das nicht einmal, sondern mehrfach sogar.

Das ist also ein hoher Aufwand, ein gewisses Risiko, dass man da eingeht, sich in einer Studie zu beteiligen, und trotzdem haben 90 Prozent die Möglichkeit, sich zu beteiligen. zugesagt, eben hier mitzumachen und glücklicherweise uns diese Daten zu geben. Das bedeutet aber, dass die eine ganz andere Aussagekraft haben.

Wir nennen das externe Validität, also die Repräsentativität der Daten, die wir haben für alle, die in diese Behandlung kommen, ist dann wirklich so hoch, dass sie absolut aussagekräftig sein wird. Das ist schon mal eine sehr gute Botschaft. Und das Zweite, was wir festgestellt haben, ist, dass viele Patienten, die hier Kontakt aufnehmen, Und dann zu einem Erstgespräch kommen und zu der Diagnostik kommen, dass auch wirklich ein großer Teil, das sind 75 Prozent, dann auch die Therapie aufnehmen.

Und dass davon wieder der größte Teil auch die Therapie durchhält, also auch wirklich bis zum Ende dabei ist. Und mit der größten Teil, das waren eben auch so ungefähr 70, 80 Prozent, die Daten sind noch nicht endgültig ausgewertet, die hier wirklich nicht vorher aufhören. Und das ist vergleichsweise eine gute Quote. Wenn man das jetzt mal in Beziehung setzt zu der normalen ambulanten Psychotherapieversorgung, da gibt es auch natürlich immer Abbrecher.

Aber die Patienten, die dort abbrechen, die haben halt ihr Therapeuten vor Ort. Die müssen zwei Straßen weiterfahren und haben nicht diesen Aufwand wie hier, wo manchmal 300 Kilometer zurückgelegt werden müssen. Und da hätten wir er erwartet, dass die Abbruchquoten allein aus diesem Grund schon größer sind. Und die anderen Gründe, kann man sich ja auch vorstellen, das Risiko entdeckt zu werden, beobachtet zu werden, damit aufzufliegen, ist ja auch nicht von der Hand zu weisen.

Und insgesamt hätten wir da größere Anteile befürchtet. Und dass das jetzt nur so wenige sind und die meisten doch hier dieses Angebot in Anspruch nehmen und anscheinend so zufrieden sind, das ist auch wirklich durchhalten und in dieser hohen Frequenz über mehrere Jahre dann mitmachen. Das spricht natürlich für die Qualität, denke ich mal, und für die Orientierung an diesen Patienten, dass deren Bedürfnisse hier offenbar erfüllt werden.

Das sind zwei positive Erkenntnisse, die wir jetzt schon ziehen können. Was mich natürlich noch interessiert, ist die Frage generell nach der Datenlage. Gerade im Bereich ... im Bereich der sexualisierten Gewalt ist es ja sowohl auf Betroffenenseite als auch auf potenzieller Täterseite ganz wichtig, Daten zu haben. Welches Potenzial steckt denn eigentlich in dieser Datenmenge, die Sie verarbeiten können, auch für die Zukunft des Kinderschutzes letztlich?

Ja, also wir haben so viele Daten mittlerweile, dass wir schon Mühe haben, das alles sozusagen per Hand auszuwerten. Deswegen haben wir momentan die Idee, auch mithilfe von KI, mit künstlicher Intelligenz, hier mal zu schauen, ob wir irgendwelche Muster in diesen Daten, in diesen in diesen Eigenschaften, diesen Merkmalen von Patienten haben, die vielleicht prädiktiv sind, die also vorhersagen, wer von denen am Ende eher rückfällig wird und keinen Erfolg hat und wer Erfolg haben wird.

Und dann könnte man anhand dieser Merkmale zielgerichtet Angebote in Zukunft kreieren, die genau auf diese Teilpersonengruppe zugespitzt und zugeschnitten werden, um eben diese eher dann ... Ich nenne sie mal Hochrisikogruppe, zu adressieren und da abzuholen. Und nicht nur die etwas weniger Gefährlichen hier bei KTW zu haben.

Was wir allerdings nicht wissen, es kommt ja nur ein relativ überschaubarer Teil. Wir haben jetzt, wie gesagt, 1.200 Patienten in der Auswertung. Insgesamt waren es jetzt vielleicht 20.000 über 20 Jahre. Aber die Schätzungen gehen ja eher in Richtung ... 200.000 Betroffene. Das heißt, es ist ja trotz alledem nur ein kleiner Teil.

Und die, die nicht kommen, sind natürlich auch interessant. Vielleicht gefährlicher, wir wissen es einfach nicht. Und die Frage, also aus wissenschaftlicher Perspektive, wie kann man dieses noch nicht erhellte Dunkelfeld, die also nicht von selber kommen, die nicht eigenmotiviert kommen, aus welchen Gründen auch immer, wie kann man die vielleicht doch adressieren oder erreichen? um sie genauer untersuchen zu können, um sie zu befragen, um sie vielleicht auch dazu zu bekommen, dass sie eben auch ein Angebot in Anspruch nehmen.

Es gibt ja unterschiedliche Erklärungen. Nicht-Motivation kann sein: Ich habe kein Problembewusstsein. Ich mache das, weil ich es gut finde. kein Problem damit, Kinder zu schädigen. Solche Personen gibt's auch, hab ich auch in meiner Praxis schon erlebt. Oder sie haben keine Informationen oder sind unsicher oder sie haben halt Angst, zu kommen.

Also, wir müssten rausfinden, was eigentlich die Motive sind für Nichtinanspruchnahme. Und wenn sich da Ideen entwickeln, das methodisch umzusetzen, fänd ich das extrem spannend, dem weiter zu folgen.